Der Neubau

„Wir sind Gottes Mitarbeiter“!

Mit dieser Aussage von Paulus (1.Korinther 3,6-9) starteten wir am 18. April 2004 mit dem, Spatenstichgottesdienst "die offizielle Phase" des Neubaues.
Im Hintergrund wurden bis zu diesem Zeitpunkt schon viele Sitzungen mit planerischen Überlegungen abgehalten. Gottes Mitarbeiter sind wir. Gott geht mit uns sozusagen
eine Synergie ein, eine eigentümliche Gemeinschaft, ein Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte findet statt. Das ist mit dem Wort „Mitarbeiter“ in diesem Zusammenhang angedeutet.

Und das Zusammenspiel funktionierte und funktioniert noch ausgezeichnet. Viele Menschen ließen sich von Gott zu großzügigen Spenden inspirieren. Andere investierten
sehr viel Zeit, um auf der Baustelle Hand anzulegen. An manchen Samstagen wuselte es geradezu vor arbeitswilligen freiwilligen Helfern. Nicht selten durften wir 20 und
mehr engagierte Frauen und Männer zählen.
Der Rohbau wurde schneller als gedacht geradezu aus dem Boden gestampft. Über das schnelle Vorankommen staunten wir auf der Baustelle immer wieder selbst. Viele kleinere und größere Wunder, - je nachdem, was man als Wunder bezeichnet -, begleiteten uns bei den Arbeiten.
Für mich ist es ein Wunder, dass sich in der heutigen Zeit so viele ehrenamtliche Mitarbeiter zu solch einer uneigennützigen Arbeit motivieren lassen, ihre Freizeit einsetzen und gutgelaunt Samstage und freie Abende
mit Knochenarbeit auf der Baustelle verbringen. Ich bezeichne es als ein Wunder, dass Menschen vom allgemein
über alles geliebten Geld abgeben, um in solch ein Projekt zu investieren. Wie sagte mir eine ältere Frau:
„Thomas, wann fangt ihr endlich an zu bauen? Ich habe schon das ganze Sparbuch geplündert,
damit ihr Geld zum Neubau habt!“ Im Aufblick zu Gott bin ich für dieses Geschehene außerordentlich dankbar.
Viele Gesichter erscheinen vor meinem inneren Auge und ich segne diese Menschen in Gedanken. An dieser Stelle wäre für dich als Leser und Leserin auch die Möglichkeit, ein Dankgebet an Gott zu senden, bevor du weiterliest.
Durch seinen Geist, davon bin ich überzeugt, hat Gott Menschen zu solchen Leistungen motiviert.
Aber auch folgendes darf nicht unerwähnt bleiben, wenn wir über die Bauphase in tiefer Dankbarkeit nachdenken: Die letzten herausfordernden Arbeiten (Ringgurt in 8 m Höhe schalen und schwere Eisenauflager für die Leimbinder zentimetergenau in der Schalung platzieren) waren erledigt.
Eine weniger arbeitsreiche Woche lag vor uns, da die Leimbinder für das Dach erst auf die darauffolgende Woche geordert waren .
Dann geschah das Unfassbare, das uns als Familie, aber auch unsere gesamte Gemeinde wie in einen lähmenden Schock versetzte: Wir mussten hinnehmen, dass unserer 17-jährigen Tochter Michaela durch einen tragischen Verkehrsunfall dieses irdische Leben genommen wurde.
Ohnmacht breitete sich aus. Inmitten des genialen Baufortschrittes bekamen wir unsere menschlichen Grenzen schmerzhaft zu spüren. Wir haben das Leben nicht in der Hand! Wir haben und hatten den Baufortschritt und dessen Gelingen letztendlich auch nicht in der Hand.

Es bleiben viele schmerzhafte Fragen offen. Dennoch sind wir dafür dankbar, dass unsere Tochter drei Wochen vor diesem
schrecklichen Ereignis durch die Taufe noch ein klares Bekenntnis vor der sichtbaren
und unsichtbaren Welt ablegte. Und auf die Aussage von Jesus dürfen wir vertrauen:

„Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich bekennen am Gerichtstag vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber vor den Menschen nicht kennen will, den werde ich am Gerichtstag vor meinem Vater im Himmel auch nicht kennen“!  (Matthäus 10,32).


Auch in dieser schwierigen Zeit durften und dürfen wir im Aufblick Gottes Mit-Sein und seinen Trost erleben.
Dankbar sind wir für unsere Gemeinde, die sich als enorm tragfähig, tröstend und helfend erwies. Blicke ich nach vorne, wage den Ausblick, so vergleiche ich dieses Gebäude gerne mit einem Suppentopf.
Der Suppentopf als solcher hat wenig Wert. Was zählt, ist der Inhalt, die Suppe, die wir darin zubereiten und
kochen. Suppe, die uns an kalten Tagen wärmen kann und auch sättigt. Der Inhalt, die Suppe, ist das Wertvolle. Darüber werden wir uns einig sein. Dennoch kann keine Suppe ohne Topf zubereitet und gekocht werden. Es braucht den Topf ebenfalls. So ist es auch mit dem Neubau auf der Lindenwiese: Der Inhalt wird in Zukunft zählen. Dennoch brauchen wir das Gebäude, wollen sorgsam damit umgehen und dankbar dafür sein.
Ich trage die berechtigte Hoffnung in mir, dass in diesem Gebäude Menschen Gott in seiner Vielgestaltigkeit begegnen, in Berührung mit ihm kommen, Heilung für ihre verwundetenSeelen finden, sich neue Lebensperspektiven eröffnen, Versöhnung stattfindet, der tiefere Sinn des Lebens sich aufzeichnet, sich Staunen über Gottes Liebe ausbreitet, kalte Herzen wieder warm und dem Mitmenschen gegenüber liebesfähig werden, eine neue tiefe Freude Menschen erfasst und Gottes übernatürliche Kräfte erlebt werden. Wer diesem Gott so begegnet, der wird auch den Mitmenschen
neu sehen. Wertschätzende, taktvolle Begegnungen werden an der Tagesordnung sein. Freundlichkeit wird sich wie ein Flächenbrand ausbreiten. Gute (segnende) Worte werden viele Gesichter neu erhellen.


Vertrauensvolle und tragfähige Beziehungen werden entstehen. Offener und ehrlicher Umgang wird die Begegnungen prägen. Konflikte werden zielorientiert und in einem versöhnenden Geist ausgetragen. Der ewigen Zukunft gewiss werden wir unser Leben in einer engagierten Gelassenheit gestalten können. Diesen Inhalt könnte man nach alter Täufertradition so beschreiben:
Wir leben einen Glauben, der in der Liebe tätig wird !

Mit diesem Ausblick wünsche ich uns viele inspirierende Begegnungen in vertikaler und horizontaler Dimension.

Euer

 

Meilensteine auf dem Weg zum Neubau

Wenn man den Neubau so sieht, kann man sich schon fast nicht mehr vorstellen, wie es vorher ausgesehen hat. Und so mancher fragt sich wohl, wie es dazu kam. Von der Idee bis zur Umsetzung ist ein weiter Weg und so seien einige Meilensteine erwähnt.

In den Jahren 2001/2002 fanden erste Überlegungen statt, den vorhandenen Gottesdienstraum zu erweitern. Die Besucherzahlen stiegen merklich und es war klar, dass etwas getan werden musste - nur was, das war die große Frage. Vor allem wurden zu dieser Zeit vier Vorschläge diskutiert: Sollte man das Foyer für die Gottesdienste mitbenutzen oder wäre es eine Lösung, zwei Gottesdienste stattfinden zu lassen oder diesen in gemieteten Räumen in Überlingen zu feiern? Eine relativ kleine Erweiterung durch Herausnahme der Nordwand (linke Seite im Gottesdienstraum) war die erste Überlegung in Richtung
Bau.

In der Gemeindeversammlung vom 23.07.2002 wird die Gemeinde über die Möglichkeiten informiert. Es wird beschlossen, dass möglichst umgehend Vorschläge gemacht werden müssen, um einen Saal zu erhalten, der ca. 200 Sitzplätze bietet. Die Gemeinde soll auf jeden Fall nicht wegen Platzmangels am Wachstum gehindert werden. Ein Bauteam, das etwa zehn Personen umfasst, wird gebildet.

Zur kostenlosen Projektplanung wird Architekt Werner Kunz aus Zürich gewonnen. Er legt verschiedene Varianten vor, den Saal Richtung Osten (Frontseite) zu erweitern, so dass die Möglichkeit für ca. 200 Sitzplätze geschaffen wird. Der bisherige Saal soll dabei ganz oder teilweise als Foyer und als Erweiterung dienen.

Die erste Bauteamsitzung findet am 22.11.2002 statt. Hier werden die vom Architekten vorgelegten Varianten geprüft. Aus Kostengründen fällt die Entscheidung auf einen einfachen, rechtwinkligen Grundriss. Dabei wird auch ein separater Durchgang vom alten Foyer zum neuen Saal diskutiert. Dieser Durchgang soll am alten Saal entlangführen, statt wie bisher gedacht, durch diesen hindurch.

Dann geht es an die Optimierung der Vorschläge. Es wird beschlossen, den alten Saal unberührt zu lassen und ihn dem Freizeitheim zur Nutzung zu übertragen. Neben dem alten Saal wird ein neues Foyer gebaut, das auch als Zugang zum neuen, dahinter liegenden Saal dienen wird. Der Saal-Neubau soll dann letztendlich für 250 Besucher Platz bieten.

Im Frühjahr 2003 geben sowohl die Gemeinde als auch das Freizeitheim ihre Zustimmung zum Bau. Die Baurechtsbehörde der Stadt Überlingen stimmt dem Bau ebenfalls mündlich zu. Sie verweist auf die Zustimmung der Landschaftsbehörde, da der Bau im Außenbereich liegt. Auch dort stößt der Bau bei Einhaltung einiger Auflagen mündlich auf Zustimmung.

Derweil wird die Bausumme auf 750.000 Euro geschätzt. Durch Ablösung des bisherigen Versammlungsrechts der Gemeinde im alten Saal trägt das Freizeitheim 200.000 Euro der Bausumme. 550.000 Euro stehen in der Verantwortung der Gemeinde.

Die Baugenehmigung wird nach weiteren Detailplanungen und Abklärungen am 04.12.2003 vom Baurechtsamt der Stadt Überlingen erteilt.

Bis Jahresende 2003 hat das Bauteam schon neun Sitzungen absolviert. Die Detailplanung und die Werkpläne übernimmt Architekt Thomas Glück von der Firma Seiler in Owingen.

Während der Planungsphase kommt es zuweiteren Optimierungen, so wird zum Beispiel beschlossen, die Raumhöhe im Untergeschoss um 50 cm zu erweitern.
Auch die Einrichtung neuer Damen-WC‘s ist ein gute Idee, sodass es nicht mehr zum Stau kommt wie bisher...

Am 18. April 2004 findet der erste Spatenstich mit der Gemeinde im Anschluss an den Gottesdienst statt. Der offizielle Baubeginn ist am 27. April 2004.

Der Rohbaugeht unter der Führung von Pastor Thomas Dauwalter als Maurerpolier mit vielen freiwilligen Helfern zügig voran. Anfang August kann das Dach auf dem Saal montiert werden. Bis zum Herbst ist der Bau geschlossen und die Arbeiten im Innenausbau beginnen.

Am 8. August 2004 findet ein Dankgottesdienst für den guten Baufortschritt und die erlebte Bewahrung auf der Baustelle statt.

Die Außenfassade des Saals kann noch vor Wintereinbruch mit vielen ehrenamtlichen Helfern fertiggestellt werden.
Der Innenausbau schreitet über den Jahreswechsel deutlich voran, Anfang April wird der Teppichboden gelegt.

Der erste Gottesdienst der Gemeinde im neuen Saal findet am 1. Mai 2005 statt, eine Woche später am 8. Mai die Einweihung mit dem Tag der offenen Tür.

Zusammenstellung von Johannes W., bearbeitet von Monika Gr.; Bilder von Urs K.

Nachgefragt: Wie einzelne Personen die Bauphase empfunden haben...

„Für mich bedeutet der Bau einen neuen Abschnitt, eine Herausforderung. Gerade bei der ersten Musik-Team-Probe im neuen Saal hat man das gemerkt, es ist eine neue Dimension und auch das eigene Spielen ist anders....
Ich fand die Bauphase voll cool! Die Idee, dass wir irgendwann einmal bauen, fand ich schon immer cool und ich hab mich gefreut, als es anfing...
Es hat mir Spaß gemacht zu helfen,ich schaffe gerne handwerklich und ich hatte auch grad viel Zeit.... Die Entscheidung zu bauen, war die richtige. Es war ein Wagnis, aber es hat sich gelohnt!“

Patricia S.
„Ich habe die Bauphase als sehr spannend erlebt... Der Umgang mit den Leuten war sehr gut. Es war kein Opfer, dort zu schaffen, sondern eine Bereicherung!“

Klaus W.
„Erstmal hat mir die Sache sehr viel Spaß gemacht, auch wenn vielleicht nicht jeder nachvollziehen kann, wie Arbeit, für die man kein Geld bekommt, Spaß machen kann. Ich habe es von Anfang an als meine Aufgabe gesehen, mich mit ganzer Kraft bei diesem Vorhaben einzubringen. Am Anfang sah ich es als „normale“ Baustelle an, bei der ich mich bestmöglich einbringe. Je länger die Baustelle dauerte, wurde mir klar, dass es hier nicht nur um eine normale Baustelle geht, sondern dass hier ein ganz besonderes „Haus (Gottes)“ gebaut wird...

...Trotzdem musste ich bald erfahren, dass es auch unter Gläubigen sehr viele Reibungspunkte gibt.Der große Unterschied zu anderen Erfahrungen war allerdings der, wie mit diesen Reibungspunkten umgegangen wurde und wird. Hier habe ich viele positive Erfahrungen sammeln können. Vielleicht konnte ich auch selbst hin und wieder dazu beitragen, dass es anstatt eines Streites nur eine angeregte Unterhaltung mit letztlich positivem Ausgang gab...
„Ich fand positiv, dass es bei den Bausitzungen sehr zielorientiert zuging, das Wesentliche wurde im Blick behalten.... Manche Dinge sind nicht so optimal zu lösen, aber es war gut, dass jeder Kompromissbereitschaft gezeigt hat. Gefallen hat mir auch, wie die Vielfalt der Begabungen eingesetzt werden konnte.“

Sigrid G.


V i e l e n  D a n k  a n  a l l e!